Interpretationen: Georg Büchner: Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck
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sinnvoller Einstieg in die Interpretation
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Interpretationen: Georg Büchner: Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, Woyzeck (Broschiert) Die hier vorgestellten Lesarten der vier literarischen Schriften Büchners bieten jeweils einen sinnvollen und guten Einstieg in die eigene Interpretation. Für die braucht man ja - ähnlich wie bei der Urteilsbildung in politischen Dingen - nicht allein analytische Sachkenntnis, sondern als Reibfläche für das Entwickeln einer eigenen Position die Meinung von anderen. Die wird hier - getragen durch die solide Auseinandersetzung mit den Texten und der mit den Texten befassten Forschung - in allen vier Aufsätzen geboten.

Voges Lektüre von "Dantons Tod" thematisiert zwar verschiedene semantische Facetten des Stückes, fokussiert das Ganze dann aber doch recht deutlich auf die politische Dimension: "Büchners dramatische Autopsie der Französischen Revolution legt schonungslos die klassenbedingte Borniertheit der bürgerlichen Positionen frei" (S. 8). Das liest sich auf den ersten Blick ein bisschen nach einer Neuauflage der politisch interessierten Interpretationen der frühen 70er Jahre. Voges geht dann aber sehr viel differenzierter vor. Insbesondere seine Analyse der Theatermetaphorik, die den im Stück thematisierten Inszenierungscharakter von Politik reflektiert, ist lesenswert.

Hinderers "Lenz"-Deutung kommentiert zunächst die fragmentarische Textgestalt, referiert dann sehr knapp die vielen Deutungsperspektiven der Lenz-Forschung, um dann, dem Text folgend seine eigene Deutung vorzustellen. Für ihn ist der Lenz das Sinnbild einer existenziellen Krise, das Modell einer Leidensgeschichte, die als Brennpunkt sowohl sozialer wie auch religiöser Probleme und Thesen zu lesen ist.

Dedners Kommentar zu "Leonce und Lena" stellt die Suche nach dem literaturgeschichtlichen Ort des Stückes in den Mittelpunkt der Lektüre. Ausgangspunkt ist zunächst die Frage nach dem Sinn des Komödienhaften des Stückes und dessen Verhältnis zur Romantik, zu "der wohl fragwürdigsten Epoche der deutschen Literatur" (S. 120). Dieses Verhältnis sieht Dedner weniger eindeutig als die meisten Interpreten. Deutlich wird dies insbesondere im 6. Abschnitt seiner Interpretation, in der er betont, wie Büchner in seinem Stück "Langeweile, Reduktionismus [und] Narrentum" als subversive Formen des "Widerstands" gestaltet. Die Wirkungsabsicht erscheint so zwar einerseits durchaus unromantisch links und sozialkritisch, andererseits sind die Textstrategien und die zentralen Motive denen der Romantik durchaus verwandt. Zwischen Romantik und dem absurden Drama Becketts - verwandt aber mit beiden - erkennt Dedner in der doppelten Ironie (S. 161), einer Ironie, die die Ohnmacht der Ironie gleichzeitig sieht und ironisch doch auch noch festhält, einen der wesentlichen Gesten des Stückes.

Glücks Lektüre des "Woyzeck" schließlich wendet sich gegen die etwas platte Verkürzung des Dramas auf die Eifersuchtsgeschichte. Stattdessen deutet er sie als modellhafte Darstellung eines "Systems der Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung" (s. 185). Dieser Komplex wird von Büchner nicht allein sehr eindringlich dargestellt, sondern die literarische Wirkungsabsicht zielt auch auf die Provokation des Publikums. Das Stück soll bewegen - nicht allein emotional, sondern gewissermaßen perlokutionär, politisch. Im Mittelpunkt der Handlung sieht er die von der Forschung bislang kaum beachteten Geschichte einer Psychose.

Insgesamt ein auf knappem Raum gleichzeitig anspruchsvoller wie lesbarer Einstieg in die Interpretation.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. Oktober 2011
Kundenrezensionen:
2. sinnvoller Einstieg in die Interpretation (die aktuell angezeigte Rezension)
1. Das Buch gibt unkommentierte Fakten zu den Werken wieder
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