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unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu
lang...
Lena:
(die ihm ängstlich sinnend zuhört) Und für müde Augen jedes Licht zu
scharf und müde Lippen jeder Hauch zu schwer (lächelnd) und müde
Ohren jedes Wort zu viel. (Sie tritt mit der Gouvernante ins Haus.)
Leonce:
O lieber Valerio! Könnte ich nicht auch sagen: »Sollte nicht dies und ein
Wald von Federbüschen nebst ein Paar gepufften Rosen auf meinen
Schuhen -?« Ich hab es glaub ich ganz melancholisch gesagt. Gott sei
Dank, daß ich anfange mit der Melancholie niederzukommen. Die Luft
ist nicht mehr so hell und kalt, der Himmel senkt sich glühend dicht um
mich und schwere Tropfen fallen. - O diese Stimme: Ist denn der Weg so
lang? Es reden viele Stimmen über die Erde und man meint sie sprächen
von andern Dingen, aber ich hab sie verstanden. Sie ruht auf mir wie der
Geist, da er über den Wassern schwebte, eh das Licht ward. Welch
Gähren in der Tiefe, welch Werden in mir, wie sich die Stimme durch
den Raum gießt. Ist denn der Weg so lang? (Geht ab.)
Valerio:
Nein. Der Weg zum Narrenhaus ist nicht so lang, er ist leicht zu finden,
ich kenne alle Fußpfade, alle Vicinalwege und Chausseen dorthin. Ich
sehe ihn schon auf einer breiten Allee dahin, an einem eiskalten
Wintertag den Hut unter dem Arm, wie er sich in die langen Schatten
unter die kahlen Bäume stellt und mit dem Schnupftuch fächelt. - Er ist
ein Narr! (Folgt ihm.)
Dritte Scene
Ein Zimmer. Lena. Die Gouvernante.
Gouvernante:
Denken Sie nicht an den Menschen.
Lena:
Er war so alt unter seinen blonden Locken. Den Frühling auf den
Wangen, und den Winter im Herzen. Das ist traurig. Der müde Leib
findet ein Schlafkissen überall, doch wenn der Geist müd ist, wo soll er
ruhen? Es kommt mir ein entsetzlicher Gedanke, ich glaube es gibt
Menschen, die unglücklich sind, unheilbar, blos weil sie sind. (Sie erhebt
sich.)
Gouvernante:
Wohin mein Kind?
Lena:
Ich will hinunter in den Garten.
Gouvernante:
Aber ...
Lena:
Aber, liebe Mutter, du weißt man hätte mich eigentlich in eine Scherbe
setzen sollen. Ich brauche Thau und Nachtluft wie die Blumen. Hörst du
die Harmonieen des Abends? Wie die Grillen den Tag eingingen und die
Nachtviolen ihn mit ihrem Duft einschläfern! Ich kann nicht im Zimmer
bleiben. Die Wände fallen auf mich.
Vierte Scene
Der Garten. Nacht und Mondschein. Man sieht Lena auf dem Rasen sitzend.
Valerio:
(in einiger Entfernung) Es ist eine schöne Sache um die Natur, sie ist
aber doch nicht so schön, als wenn es keine Schnaken gäbe, die
Wirthsbetten etwas reinlicher wären und die Todtenuhren nicht so in den
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