| |
Wänden pickten. Drin schnarchen die Menschen und draußen quaken die
Frösche, drin pfeifen die Hausgrillen und draußen die Feldgrillen. Lieber
Rasen, dies ist ein rasender Entschluß.
(Er legt sich auf den Rasen nieder.)
Leonce:
(tritt auf) O Nacht, balsamisch wie die erste, die auf das Paradies
herabsank. (Er bemerkt die Prinzessin und nähert sich ihr leise.)
Lena:
(spricht vor sich hin) Die Grasmücke hat im Traum gezwitschert, die
Nacht schläft tiefer, ihre Wange wird bleicher und ihr Athem stiller. Der
Mond ist wie ein schlafendes Kind, die goldnen Locken sind ihm im
Schlaf über das liebe Gesicht heruntergefallen. O sein Schlaf ist Tod.
Wie der todte Engel auf seinem dunkeln Kissen ruht und die Sterne
gleich Kerzen um ihn brennen. Armes Kind, kommen die schwarzen
Männer bald dich holen? Wo ist deine Mutter? Will sie dich nicht noch
einmal küssen? Ach es ist traurig, todt und so allein.
Leonce:
Steh auf in deinem weißen Kleide und wandle hinter der Leiche durch
die Nacht und singe ihr das Todtenlied.
Lena:
Wer spricht da?
Leonce:
Ein Traum.
Lena:
Träume sind selig.
Leonce:
So träume dich selig und laß mich dein seliger Traum sein.
Lena:
Der Tod ist der seligste Traum.
Leonce:
So laß mich dein Todesengel sein. Laß meine Lippen sich gleich seinen
Schwingen auf deine Augen senken. (Er küßt sie.) Schöne Leiche, du
ruhst so lieblich auf dem schwarzen Bahrtuch der Nacht, daß die Natur
das Leben haßt und sich in den Tod verliebt.
Lena:
Nein, laß mich. (Sie springt auf und entfernt sich rasch.)
Leonce:
Zu viel! zu viel! Mein ganzes Sein ist in dem einen Augenblick. Jetzt
stirb. Mehr ist unmöglich. Wie frischathmend, schönheitglänzend ringt
die Schöpfung sich aus dem Chaos mir entgegen. Die Erde ist eine
Schale von dunkelm Gold, wie schäumt das Licht in ihr und fluthet über
ihren Rand und hellauf perlen daraus die Sterne. Meine Lippen saugen
sich daran: dieser eine Tropfen Seligkeit macht mich zu einem köstlichen
Gefäß. Hinab heiliger Becher! (Er will sich in den Fluß stürzen.)
Valerio:
(springt auf und umfaßt ihn) Halt Serenissime!
Leonce:
Laß mich!
Valerio:
Ich werde Sie lassen, sobald Sie gelassen sind und das Wasser zu lassen
versprechen.
Leonce:
Dummkopf!
Valerio:
Ist denn Eure Hoheit noch nicht über die Lieutenantsromantik hinaus, das
Glas zum Fenster hinaus zu werfen, womit man die Gesundheit seiner
Geliebten getrunken?
Leonce:
Ich glaube halbwegs du hast Recht.
Valerio:
Trösten Sie sich. Wenn Sie auch nicht heut Nacht unter dem Rasen
schlafen, so schlafen Sie wenigstens darauf. Es wäre ein eben so
selbstmörderischer Versuch in eins von den Betten zu gehn. Man liegt
auf dem Stroh wie ein Todter und wird von den Flöhen gestochen wie ein
Lebendiger.
Leonce:
Meinetwegen. (Er legt sich ins Gras.) Mensch, du hast mich um den
schönsten Selbstmord gebracht. Ich werde in meinem Leben keinen so
vorzüglichen Augenblick mehr dazu finden und das Wetter ist so
16
|  |
|
| |
|
|