| |
nützlich und sehr moralisch würde? - Der Mann, der eben von mir ging,
ich beneidete ihn, ich hätte ihn aus Neid prügeln mögen. O wer einmal
jemand Anders sein könnte! Nur ne Minute lang. -
(Valerio halb trunken, kommt gelaufen.)
Leonce:
Wie der Mensch läuft! Wenn ich nur etwas unter der Sonne wüßte, was
mich noch könnte laufen machen.
Valerio:
(stellt ich dicht vor den Prinzen, legt den Finger an die Nase und sieht ihn
starr an) Ja!
Leonce:
(eben so) Richtig!
Valerio:
Haben Sie mich begriffen?
Leonce:
Vollkommen.
Valerio:
Nun, so wollen wir von etwas Anderm reden. (Er legt sich ins Gras.) Ich
werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen
den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen
beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen, wie
auf einer Rose.
Leonce:
Aber Bester, schnaufen Sie nicht so stark, oder die Bienen und
Schmetterlinge müssen verhungern über den ungeheuren Prisen, die Sie
aus den Blumen ziehen.
Valerio:
Ach Herr, was ich ein Gefühl für die Natur habe! Das Gras steht so
schön, daß man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können, und
dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu fressen, der solches Gras
gefressen.
Leonce:
Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laboriren.
Valerio:
Es ist ein Jammer. Man kann keinen Kirchthurm herunterspringen, ohne
den Hals zu brechen. Man kann keine vier Pfund Kirschen mit den
Steinen essen, ohne Leibweh zu kriegen. Seht, Herr, ich könnte mich in
eine Ecke setzen und singen vom Abend bis zum Morgen: »Hei, da sitzt
e Fleig an der Wand! Fleig an der Wand! Fleig an der Wand!« und so fort
bis zum Ende meines Lebens.
Leonce:
Halts Maul mit deinem Lied, man könnte darüber ein Narr werden.
Valerio:
So wäre man doch etwas. Ein Narr! Ein Narr! Wer will mir seine
Narrheit gegen meine Vernunft verhandeln? Ha, ich bin Alexander der
Große! Wie mir die Sonne eine goldne Krone in die Haare scheint, wie
meine Uniform blitzt! Herr Generalissimus Heupferd, lassen Sie die
Truppen anrücken! Herr Finanzminister Kreuzspinne, ich brauche Geld!
Liebe Hofdame Libelle, was macht meine theure Gemahlin
Bohnenstange? Ach bester Herr Leibmedicus Cantharide, ich bin um
einen Erbprinzen verlegen. Und zu diesen köstlichen Phantasieen
bekommt man gute Suppe, gutes Fleisch, gutes Brod, ein gutes Bett und
das Haar umsonst geschoren - im Narrenhaus nämlich -, während ich mit
meiner gesunden Vernunft mich höchstens noch zur Beförderung der
Reife auf einen Kirschbaum verdingen könnte, um - nun? - um?
Leonce:
Um die Kirschen durch die Löcher in deinen Hosen schamroth zu
machen! Aber Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe,
dein Stand, deine Kunst?
Valerio:
(mit Würde) Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen,
ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtsthun, ich besitze eine
ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine
Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken,
3
|  |
|
| |
|
|