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Willst du nicht kommen mit mir heim?
Leonce:
(allein) Ein sonderbares Ding um die Liebe. Man liegt ein Jahr lang
schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf,
trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand
über die Stirn und besinnt sich und besinnt sich. - Mein Gott, wieviel
Weiber hat man nöthig, um die Scala der Liebe auf und ab zu singen?
Kaum daß Eine einen Ton ausfüllt. Warum ist der Dunst über unsrer Erde
ein Prisma, das den weißen Gluthstrahl der Liebe in einen Regenbogen
bricht? (Er trinkt.) In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich
mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr so weit? Ich
sitze wie unter einer Luftpumpe. Die Luft so scharf und dünn, daß mich
friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen. - Meine Herren,
meine Herren, wißt ihr auch, was Caligula und Nero waren? Ich weiß es.
Komm Leonce, halte mir einen Monolog, ich will zuhören. Mein Leben
gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich
vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf
ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder
auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer
haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen
einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum, wie
einen Handschuh. O ich kenne mich, ich weiß was ich in einer
Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und
träumen werde. Gott, was habe ich denn verbrochen, daß du mich, wie
einen Schulbuben, meine Lection so oft hersagen läßt? -
Bravo Leonce! Bravo! (Er klatscht.) Es thut mir ganz wohl, wenn ich mir
so rufe. He! Leonce! Leonce!
Valerio:
(unter einem Tisch hervor) Eure Hoheit scheint mir wirklich auf dem
besten Weg, ein wahrhaftiger Narr zu werden.
Leonce:
Ja, beim Licht besehen, kommt es mir eigentlich eben so vor.
Valerio:
Warten Sie, wir wollen uns darüber sogleich ausführlicher unterhalten.
Ich habe nur noch ein Stück Braten zu verzehren, das ich aus der Küche,
und etwas Wein, den ich von Ihrem Tische gestohlen. Ich bin gleich
fertig.
Leonce:
Das schmatzt. Der Kerl verursacht mir ganz idyllische Empfindungen;
ich könnte wieder mit dem Einfachsten anfangen, ich könnte Käs essen,
Bier trinken, Tabak rauchen. Mach fort, grunze nicht so mit deinem
Rüssel, und klappre mit deinen Hauern nicht so.
Valerio:
Werthester Adonis, sind Sie in Angst um Ihre Schenkel? Sein Sie
unbesorgt, ich bin weder ein Besenbinder, noch ein Schulmeister. Ich
brauche keine Gerten zu Ruthen.
Leonce:
Du bleibst nichts schuldig.
Valerio:
Ich wollte, es ginge meinem Herrn eben so.
Leonce:
Meinst du, damit du zu deinen Prügeln kämst? Bist du so besorgt um
deine Erziehung?
Valerio:
O Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung, als zu seiner
Erziehung. Es ist traurig, in welche Umstände Einen andere Umstände
versetzen können! Was für Wochen hab ich erlebt, seit meine Mutter in
die Wochen kam! Wieviel Gutes hab ich empfangen, das ich meiner
Empfängniß zu danken hätte?
Leonce:
Was deine Empfänglichkeit betrifft, so könnte sie es nicht besser treffen,
um getroffen zu werden. Drück dich besser aus, oder du sollst den
unangenehmsten Eindruck von meinem Nachdruck haben.
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