| |
Valerio:
Als meine Mutter um das Vorgebirg der guten Hoffnung schiffte ...
Leonce:
Und dein Vater an Cap Horn Schiffbruch litt ...
Valerio:
Richtig, denn er war Nachtwächter. Doch setzte er das Horn nicht so oft
an die Lippen, als die Väter edler Söhne an die Stirn.
Leonce:
Mensch, du besitzest eine himmlische Unverschämtheit. Ich fühle ein
gewisses Bedürfniß, mich in nähere Berührung mit ihr zu setzen. Ich
habe eine große Passion dich zu prügeln.
Valerio:
Das ist eine schlagende Antwort und ein triftiger Beweis.
Leonce:
(geht auf ihn los) Oder du bist eine geschlagene Antwort. Denn du
bekommst Prügel für deine Antwort.
Valerio:
(läuft weg, Leonce stolpert und fällt) Und Sie sind ein Beweis, der noch
geführt werden muß, denn er fällt über seine eigenen Beine, die im
Grund genommen selbst noch zu beweisen sind. Es sind höchst
unwahrscheinliche Waden und sehr problematische Schenkel.
(Der Staatsrath tritt auf. Leonce bleibt auf dem Boden sitzen. Valerio.)
Präsident:
Eure Hoheit verzeihen ...
Leonce:
Wie mir selbst! Wie mir selbst! Ich verzeihe mir die Gutmüthigkeit Sie
anzuhören. Meine Herren wollen Sie nicht Platz nehmen? - Was die
Leute für Gesichter machen, wenn sie das Wort Platz hören! Setzen Sie
sich nur auf den Boden und geniren Sie sich nicht. Es ist doch der letzte
Platz, den Sie einmal erhalten, aber er trägt Niemand etwas ein, als dem
Todtengräber.
Präsident:
(verlegen mit den Fingern schnipsend) Geruhen Eure Hoheit ...
Leonce:
Aber schnipsen Sie nicht so mit den Fingern, wenn Sie mich nicht zum
Mörder machen wollen.
Präsident:
(immer stärker schnipsend) Wollten gnädigst, in Betracht ...
Leonce:
Mein Gott, stecken Sie doch die Hände in die Hosen, oder setzen Sie sich
darauf. Er ist ganz aus der Fassung. Sammeln Sie sich.
Valerio:
Man darf Kinder nicht während des Pissens unterbrechen, sie bekommen
sonst eine Verhaltung.
Leonce:
Mann, fassen Sie sich. Bedenken Sie Ihre Familie und den Staat. Sie
riskiren einen Schlagfluß, wenn Ihnen Ihre Rede zurücktritt.
Präsident:
(zieht ein Papier aus der Tasche) Erlauben Eure Hoheit ...
Leonce:
Was, Sie können schon lesen? Nun denn ...
Präsident:
Daß man der zu erwartenden Ankunft von Eurer Hoheit verlobter Braut,
der durchlauchtigsten Prinzessin Lena von Pipi, auf morgen sich zu
gewärtigen habe, davon läßt Ihro königliche Majestät Eure Hoheit
benachrichtigen.
Leonce:
Wenn meine Braut mich erwartet, so werde ich ihr den Willen thun und
sie auf mich warten lassen. Ich habe sie gestern Nacht im Traum
gesehen, sie hatte ein Paar Augen so groß, daß die Tanzschuhe meiner
Rosetta zu Augenbraunen darüber gepaßt hätten, und auf den Wangen
war kein Grübchen zu sehen, sondern ein Paar Abzugsgruben für das
Lachen. Ich glaube an Träume. Träumen Sie auch zuweilen Herr
Präsident? Haben Sie auch Ahnungen?
Valerio:
Versteht sich. Immer die Nacht vor dem Tag, an dem ein Braten an der
königlichen Tafel verbrennt, ein Kapaun krepirt, oder Ihre königli che
Majestät Leibweh bekommt.
Leonce:
A propos, hatten Sie nicht noch etwas auf der Zunge? Geben Sie nur
Alles von sich.
8
|  |
|
| |
|
|